Day21: Wie die Suche nach dem grössten Lebewesen der Welt zur absoluten Nebensache wird

Die üble Geschichte hinter diesem Bild

"Mein armer Sohn! Was für ein stupide Idee! Wie naiv bin ich eigentlich! Und das schlimmste... wir können hier weder raus noch zurück!"

 

Dies in Kurzform die Gedanken, die Marcel durch den Kopf gehen. Ca. eine Stunde nach Start der Whale Watching Tour in Mirissa im Süden Sri Lankas. 

 

Die See ist rau in diesen Tagen, das wussten wir. Marcel ist sich hohe Wellen aber gewohnt von ähnlichen Touren am 66. Breitengrad in Island. Hatte nie Probleme mit Seekrankheit. Miro wird es beim Autofahren auch nie schlecht. Dies kombiniert mit der Vorsichtsmassnahme von Zäpfchen bzw. Tablette gegen Reisekrankheit sollte doch reichen. Sollte. Hätte. Wäre. Könnte. Würde. Selten war der Konjunktiv so überflüssig wie auf diesem Schiff.

 

Anou, Louan und Fabienne sind auf der Suche nach Blauwalen nicht dabei. Fabienne's Magen sagt zu solchen Ausflügen dankend und ausgesprochen deutlich "nein". Louan ist zu klein. Und Marcel alleine auf zwei Zwillinge bei rauher See aufpassen, das scheint dann doch etwas gar ambitiös. Also: Männerausflug.

 

So gehen sie los die beiden Jungs. Morgens um 05.50h werden sie mit dem Tuk Tuk abgeholt. Ziel: der Hafen von Mirissa, nur 5 Fahrminuten entfernt. Etwas müde, aber vergnügt und voller Vorfreude. 3 bis 6 Stunden soll die Tour gehen, je nach Sichtungserfolg. 7 bis 10 Seemeilen vor der Küste.

Das Boot ist komfortabel und ziemlich gross, fasst 65 Sitzplätze, etwa 25 davon sind besetzt. Miro und Marcel kriegen die Pole Position auf dem oberen Stock. Nach Befestigung der Schwimmwesten kann es losgehen. Trotz garstiger Verhältnisse mit starkem Regen.

 

Kaum aus dem Hafen, beginnt es das Boot bereits kräftig durchzuschütteln. 4 bis 5 Meter hohe Wellen, nicht einfach nur von vorne, sondern auch von links und rechts. Sie treffen das Boot ohne irgendwelchen Rhythmus. Man wird in alle Richtungen geschleudert, sogar auf seinem Sitz. Aufstehen ohne sich mit beiden Händen festzuhalten? Unmöglich.

 

Nach etwa 10 Minuten werden Sandwiches, Kuchen, Kaffee und gar ein Omelett serviert. Miro's Magen beginnt bereits zu rebellieren. Eine kleine Banane reicht. "Papa, ich habe megafest Bauchschmerzen!" Nach 15 Minuten. Von 180 bis maximal 360 Minuten. Und kein Zurück möglich. Die Tortur beginnt. 

Nach 25 Minuten geht es nicht mehr auf dem oberen Stock. Es wird empfohlen, dass Miro auf den unteren Stock geht und sich dort auf eine Matratze legt. Auf eine Matratze? Bei diesen Wellen? Miro muss auf der Unterlage gehalten werden, damit er nicht gleich von dieser wieder runterfällt. Ein Sicherheitsrisiko besteht nicht. Zu keiner Zeit. Aber qualvoll ist das allemal. Nach einer halben Stunde das erste Erbrechen. Er ist der Erste auf dem Boot. Aber bei weitem nicht der Letzte. Marcel zählt insgesamt 4 Passagiere von 25, die nie zum Kotzbeutel greifen müssen. Marcel gehört nicht zu diesen. Da er sich logischerweise auf Miro konzentriert statt auf den Wellengang, erwischt es auch ihn. Zweimal. Da ist erst gut eine Stunde vorüber. Sekunden fühlen sich an wie Minuten. Minuten wie Stunden. Noch schlimmer ist, dass man nicht weiss, wie lange die Leidenszeit dauert. 2 Stunden? 3? 4? Oder gar 5?

Nach 75 Minuten die unerwartete Erlösung. Miro schläft ein. Schläft ein? Bei diesem Wellengang? Obwohl man ihn immer wieder mal festhalten muss, dass er nicht hin- und herpurzelt. Trotz dreimaligem Erbrechen. Wohl gerade deswegen. Er ist erschöpft. So erschöpft, dass er schlafen kann. Das tut gut, auch Papa. Er kümmert sich so gut wie möglich um seinen Sohn, ist aber auch mit sich selber beschäftigt. Zum Glück ist das Schiffspersonal sehr hilfsbereit und sich solche Situationen gewohnt.

 

Aufgrund der Tatsache, dass fast alle Passagiere mit dem Wellengang zu kämpfen haben, wird die Tour eher früh beendet. Erleichterung als Marcel merkt, dass das Schiff wieder Fahrt Richtung Küste aufnimmt. Nach 3 1/2 Stunden ist der Spuk vorbei. Miro wird kurz vor der Einfahrt in den Hafen geweckt. Auch ihm ist die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Vorbei ist sie, die bis anhin unangenehmste Erfahrung auf unserem Familienabenteuer. Zum Glück. Nicht alles, was man erlebt, möchte man wirklich bis zur letzten Sekunde auskosten. 

Und die Wale? Von denen gab es reichlich. Blauwale vorne, links, hinten und rechts. Immer und immer wieder. Aber die waren während dieser Tour so nebensächlich wie die Gurkenscheibe in einem Hamburger. Miro hat keinen Wal gesehen. Marcel ist 2- bis 3-mal aufgestanden, wenn sie ganz nah am Schiff waren. Wie die Fotos zeigen, war die Musse zum Fotografieren aber bescheiden. Die Sorge um Miro und der Kampf mit dem eigenen Magen waren grösser. Macht nichts. In Erinnerung wird dieser Tag auch ohne Fotos bleiben.

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Comments: 4
  • #1

    Nana (Saturday, 21 October 2017 12:55)

    Do werds eim grad flau im Mage nor scho bim läse. Guet hed de Miro chönne pfuse. Wenns eim so übel esch hed mer secher s'Gfühl, Zyt wörd gar ned ome goh.
    Be froh ond dankbar dass alles guet usgange esch. ❤

  • #2

    Beat (Saturday, 21 October 2017 17:43)

    Mier hend mal im Barrier Reef ä Tauchkurs buechet. 3 Täg uf See. Ich ha nid gwüsst, dass ich Seechrank chönt wärdä und ha kei Tablettä und au keis Zäpfli � derbi gha.
    Nach 2 Stund isches mier K...-übel gsi und bi den 1 Tag nur nu idr Kojä umäglägä. Nacheme Tag hani den zünftig chönä dr Magä entläärä �und ha derbi diä schönschtä Fisch gse�. Den isch sofort besser gangä. S‘ Tauchbrevet hani den aber chönä vergässä. Quintessenz vo dere Gschicht....Seechrankheit wünsch ich niemertem und sit dem Erläbnis hani ich uf jeder Reis Stugeron derbi. Viel Spass wiiterhin...

  • #3

    FLAMM (Sunday, 22 October 2017 18:30)

    Liebe Nana,

    das Schlimmste für Marcel war wirklich nicht das eigene Befinden, sondern seinen Sohn so leiden zu sehen, und nicht zu wissen, ob es gar noch schlimmer wird. Aber jetzt geht es allen wieder gut. Das mit den Walen lassen wir vorderhand aber sein.

    Küsschen
    FLAMM

  • #4

    FLAMM (Sunday, 22 October 2017 18:32)

    Lieber Beat,

    Da sollten wir ganz offensichtlich mal von Itinerol auf Stugeron wechseln :-)

    Denn Fische füttern möchten wir gerne anders als so...

    Beste Grüsse,
    FLAMM